Architekten

„Mach doch einfach Liebe!“

„Mach doch einfach Liebe!“

LOVE architecture + urbanism

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Mark Jenewein

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Lesedauer: 3 min.

Mark Jenewein nippt am Espresso. Der Gastgarten des Coffeeshops mitten in der Grazer Innenstadt ist gut gefüllt. Nur wenige Meter Luftlinie von seiner Zentrale, in der ein inzwischen knapp 30-köpfiges Team an internationalen Projekten arbeitet. LOVE – der Firmenname ist Programm.

untermStrich Kunde LOVE Architekten Mark Jenewein
untermStrich Kunde LOVE Architekten Mark Jenewein

„Er steht schlicht für unsere Liebe zur Architektur", erklärt der deutsche Wahlösterreicher. Seit mehr als 20 Jahren entwickelt und realisiert Mark Jenewein gemeinsam mit seinen Partnern Bernhard Schönherr und Herwig Kleinhapl innovative Lösungen für architektonische und städtebauliche Aufgabenstellungen. LOVE architecture and urbanism hat Projekte in Österreich, Japan, den USA, Südkorea und Deutschland geplant und wurde mehrfach mit Kunst- und Architekturpreisen ausgezeichnet. Eines der bekanntesten: das 50 Hertz Netzquartier in Berlin. Jenewein lacht, lehnt sich zurück und deutet mit seinem Finger in Richtung Stadtzentrum: „Unser erstes Büro war hier auch gleich ums Eck, am Hauptplatz. Das war wild.“

Mit welcher Vorstellung beziehungsweise welchem Ziel seid ihr vor 22 Jahren an die Selbstständigkeit herangegangen?

„Voll Euphorie. Das ist doch das Schöne an den Anfangsjahren. Natürlich waren wir naiv, natürlich haben wir Fehler gemacht. Keiner hat Gedanken ans Geld verschwendet. Man dachte, die Welt braucht einen ganz dringend. Unser erstes Büro war ein Zimmer in einer Wohnung eines alten Ehepaars. Der Hausherr ist unseren Kunden im Pyjama am Gang entgegen gekommen, wir haben zu zehnt in diesem einen Zimmer an neuen Ideen gebrütet. Echte Aufträge hatten wir ja kaum. Klar, heute lachen wir darüber. Mit einem knapp 30 Personen starken Team kommt auch die Verantwortung, Geld spielt plötzlich ganz schnell eine große Rolle. Die Naivität ist weg. Aber diese Euphorie, die Liebe für den Beruf, die ist noch genauso da. Unser Firmenname ist ein Statement.

22 Jahre, drei Partner, internationale Projekte – und der Ausgangspunkt war ein Zimmer in einer Privatwohnung, in dem zehn Menschen an Ideen gearbeitet haben, für die es kaum Aufträge gab. Was geblieben ist, ist nicht die Naivität, sondern die Haltung dahinter. Mit wachsender Verantwortung verändert sich der Blick auf Wirtschaftlichkeit. Die Leidenschaft für den Beruf bleibt die Konstante.

Corona hat die Welt verändert. Wie hat bei euch das Thema Homeoffice funktioniert? Was habt ihr nachhaltig an euren Arbeitsweisen verändert?

„Ich würde vor allem fragen: Was hat Corona an unserer Arbeitsweise verändert? Homeoffice ist das eine Thema, das hat bei uns durch untermStrich super geklappt. Klar ist auch für uns als Architekten, dass die Diskussionen, wie denn der Workspace der Zukunft aussieht, schlagartig eine Wendung genommen hat. Wir haben intern gemerkt, dass das Homeoffice für einige eine wahre Beflügelung war. Sie haben unglaubliche Leistungen gebracht. Andere hingegen hatten ihre Schwierigkeiten damit. Ich selbst etwa. Ich brauche auch immer verschiedene Orte für die verschiedenen Aufgaben in meinem Leben. Wie Büros in fünf oder zehn Jahren aussehen werden? Ich denke, die endgültigen Antworten darauf werden noch eine ganze Weile auf sich warten lassen.

Homeoffice hat funktioniert – nicht trotz der Umstände, sondern weil die Strukturen dafür vorhanden waren. Was die Pandemie darüber hinaus gezeigt hat: Arbeitsweisen sind individuell. Für manche war die neue Freiheit ein Produktivitätsschub, für andere eine echte Herausforderung. Wie der Arbeitsplatz der Zukunft aussieht, ist eine Frage, die die Branche noch länger beschäftigen wird. Eindeutige Antworten gibt es noch nicht.

Ihr schaukelt schon mal im Büro und seid auch sonst fern von Konventionen im Arbeitsalltag. Was sind eure wichtigsten Tipps, um den kreativen Fluss ständig am Laufen zu halten?

„Indem man diese Anfangseuphorie, die wir alle nach unserem Studium hatten, immer wieder suchen. Zumindest, falls sie im Berufsalltag doch einmal verloren geht. Das ist wie in der Liebe selbst auch. Nur diese ständige Begeisterung für den Job bringt uns weiter. Das Geld ist es definitiv nicht. Reich wird man in der Architektur nicht. Dafür schafft man aber Dinge für die Ewigkeit. Materialisiert Dinge, die erst nur eine Idee, ein Hirngespinst waren. Bewegt Tonnen an Material und schafft so neuen Lebensraum und ein neues Lebensgefühl. Das ist der beste Lohn. Das hält kreativ.“

Die Antwort ist klar: Es ist die Haltung, nicht die Methode. Wer die Begeisterung aus den Anfangsjahren als Maßstab behält, hat einen Anker – auch wenn der Berufsalltag sie zeitweise überdeckt. Architektur schafft keine schnellen Renditen. Sie schafft Räume, die bleiben. Das ist der Antrieb, der trägt.

Machen wir eine Zeitreise. Wo seht ihr unsere Gesellschaft und unseren Lebensraum in 5 bis 15 Jahren?

„Was ich hoffe ist, dass dieser unsägliche und katastrophale Immobilienboom am Wohnungsmarkt endlich ein Ende hat. Durch Corona scheint das ja möglich zu sein. Die Entwicklung der vergangenen fünf Jahren hat der Architektur ganz schlecht getan. Wir kleistern unsere Welt zu mit scheußlichen Bauwerken mit uminspirierenden Wohnungen drin. Es geht nur um schnell, billig und mit wenig Problemen ein Haus umzusetzen. Dabei ist es unsere Aufgabe, uns auszudenken, wie ein wirklich gutes Haus aussehen muss. Was würde zu unserer Gesellschaft passen? Welche Experimente könnte man wagen? Was heißt eigentlich sharing, also teilen, fürs Wohnen? Oder Ökologie?“

Eine klare Diagnose: Wenn Geschwindigkeit und Kostenminimierung die einzigen Parameter sind, leidet die Qualität des gebauten Lebensraums. Die eigentlichen Fragen – was gutes Wohnen bedeutet, welche Experimente möglich wären, was Teilen oder Ökologie im Bauen konkret heißen – bleiben dabei auf der Strecke. Genau das ist der Auftrag der Architektur.

Was ist der wichtigste Rat, den ihr jedem jungen Architekten mit auf den Weg geben würdet?

„Das ist zum einen ganz einfach, zum anderen so schwierig: Mach es, wenn du wirklich Bock auf diesen Beruf hast! Mir ist natürlich klar, dass die Einstiegshürden heutzutage andere sind als vor 20 Jahren bei uns. Software, Bürostrukturen, Fortbildungen, das alles muss jetzt schon zu Beginn entschieden und finanziert werden können. Wir sehen das ja alleine bei uns. Nehmen wir das Thema BIM her. Alleine die Schulungen, damit verbundene Ausfälle und Technik kosten uns im Jahr sicher 120.000 Euro. Ich glaube aber, macht man die Investition nicht, ist man in drei Jahren weg vom Fenster. Das alles wäre natürlich ein Grund, um nicht in den Beruf zu gehen. Aber wenn man es wirklich will, ganz ehrlich, einfach machen! Der Anfang ist bei jedem hart, aber irgendwann läuft es. Man muss nur seinen eigenen Weg zielstrebig gehen und sich durch nichts aus der Bahn werfen lassen.“

Die Einstiegshürden sind real – finanziell, technisch, strukturell. Allein die jährlichen Investitionen in BIM-Schulungen, Technik und die damit verbundenen Ausfallzeiten summieren sich auf sechsstellige Beträge. Wer diese Investition nicht tätigt, verliert mittelfristig den Anschluss. Und trotzdem lautet die Antwort: Wer es wirklich will, soll es tun. Der Anfang ist schwer – das gilt für jeden. Was zählt, ist die Konsequenz, mit der man den eigenen Weg geht.

Hand aufs Herz: Was stört dich an der Branche?

„Wer starke Architektur haben möchte, der braucht starke Architekturbüros. Da stehen wir uns aber oft selbst im Weg! Ich meine damit nicht nur stark im Kopf, sondern auch wirtschaftlich. Wir arbeiten in einem Umfeld mit großen Baufirmen. Die haben oft 3000 Mitarbeiter, du gerade einmal 30. Da kannst du dich als kleines Büro nur ganz schwer durchsetzen. Uns fehlt die Manpower in der Büros, das ist das Problem. In Graz etwa gibt es 370 Architekturbüros. Mehr als es Apotheken gibt. Noch schockierender ist die Zahl der Mitarbeiter, die im Durchschnitt bei 1,2 liegt. Da müssen die Alarmglocken läuten. Wäre ich ein Bauherr und möchte irgendwo eine Unternehmenszentrale um 100 Millionen Euro bauen, trage ich das Projekt sicher nicht zu einem Büro mit 1,2 Mitarbeitern. Egal wie kreativ und toll der ist. Je stärker die Büros selber sind, desto stärker können sie sich gewissen Dingen entgegenstellen.“

370 Architekturbüros in Graz. Durchschnittlich 1,2 Mitarbeitende. Das sind keine abstrakten Zahlen – das ist eine strukturelle Schwäche, die die gesamte Branche betrifft. Kreativität allein reicht nicht, wenn die wirtschaftliche Substanz fehlt. Wer als kleines Büro gegen Baufirmen mit 3.000 Mitarbeitenden bestehen will, braucht mehr als gute Ideen. Wirtschaftliche Stärke ist keine Nebenbedingung guter Architektur – sie ist ihre Voraussetzung.

LOVE architecture + urbanism
Sitz: Graz, Österreich, und Berlin, Deutschland

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